1. AKT - Open your heart 1. AKT

OPEN YOUR HEART DIE LIEBE LEBENDIG ERHALTEN

In Ghana tritt Liebe nicht nur durch Küsse und Umarmungen in Erscheinung. In erster Linie ist sie eine Frage des Respekts. Nichts bringt dieses Gefühl so sehr zum Ausdruck wie die eindrücklichen Bestattungstraditionen dieses Landes, die in diesem Artikel von Benjamin Lebrave, dem Gründer der Plattenfirma Akwaaba Music mit Sitz in Accra, intensiv beschrieben sind.

Ich erinnere mich, wie es war, als ich das erste Mal an einem Begräbnis in großem Stil teilnahm, gleich nach meiner Ankunft in Ghana. Ich kannte den Verstorbenen überhaupt nicht (es war der Vater eines Bekannten von mir) und ehrlich gesagt war mir nicht ganz klar, weshalb ich eingeladen worden war. Obwohl ich mich als „Eindringling” fühlte und noch bevor ich das Haus betrat, wo die Feier stattfinden sollte, wurde ich von der Liebe, den Emotionen und dem Schmerz überwältigt, die mich „mit Gewalt” umgaben, wie man in Ghana sagt. Es war gar nicht anders möglich: Der Ort war mit Leuten überfüllt und die Gefühle der Anwesenden übergossen mich förmlich.

Die Gefühle und die Liebe, die Begräbnisse in Ghana hervorrufen, sind wirklich mächtig. Diese Gefühle sind in bunte Tücher gehüllt und werden von lauter Musik, Tänzen, von dem Geschwätz und Gelächter der Teilnehmer begleitet. Die Begräbnisse sind in Ghana ein sehr wichtiger Moment. In jedem Quartier (ich wage sogar zu behaupten, in jeder Straße oder Häuserblock), werden Plakate aufgehängt, die das Begräbnis ankündigen und das Foto des Verstorbenen zeigen. Fast jedes Wochenende hört man die durch eine Stereoanlage verstärkten Gesänge. Wenn man Glück hat, kann man auch die Prozession sehen, eine prachtvolle Art der Geselligkeit, ein Triumphzug aus Schlagzeug, Gesängen und koordinierten Stoffen.

Als ich einmal an einem Samstag durch die Hauptstraße von Jamestown spazierte - einem der historischen Bezirke von Accra an der Küste - wurde die Straße plötzlich von einer scheinbar unendlichen Prozession überquert. Die Teilnehmer trugen traditionelle, golden bestickte, rote und schwarze Kleider. Dutzende von Jugendlichen trugen auf ihren Köpfen große Trommeln, auch die schwarz mit goldenen Verzierungen; dahinter folgten weitere Männer, die mit Holzstäben auf Trommeln spielten. Alle sangen einstimmig nach dem Rhythmus der Schlagzeuge. Auch die Passanten vereinigten sich mit der Prozession.

„Wenn man Glück hat, kann man auch die Prozession sehen, eine prachtvolle Art der Geselligkeit, ein Triumphzug aus Schlagzeug, Gesängen und koordinierten Stoffen.

In Ghana ist es Brauch, sich Zeit zu nehmen, um dem Begräbnis seiner Lieben teilzunehmen. Ich weiß nicht, wie oft einer meiner Bekannten in sein Heimatdorf gereist ist, um ein Begräbnis zu organisieren. Gewisse Reisen können Wochen, manchmal sogar Monate dauern. Der Tod kann jeden Moment zuschlagen und das Leben der Leute, die dem Verstorbenen nahestanden, muss sich anpassen.

Ein grundlegend wichtiger Aspekt bei den Begräbnissen ist die Teilnahme. Der Grund liegt darin, dass in Ghana der Wert eines Menschen im Wesentlichen von der Anzahl Personen abhängt, die an seinem Begräbnis teilnehmen. Der Musiker und Regisseur Emmanuel Owusu Bonsu, bekannt als „Wanlov the Kubolor”, bestätigt: Als meine Großmutter starb, hat mich mein Vater angerufen, um mir mitzuteilen, dass die Beerdigung am 27. Februar stattfinden würde, und dass ich es allen meinen Freunden sagen solle. Das Begräbnis stellt für die Mitglieder der betroffenen Familie eine Gelegenheit dar, zu beweisen, wie wichtig der Verstorbene war und wie viele Menschen er geprägt hat. Es ist alles eine Frage der Zahlen. Meine Freunde kannten meine Großmutter nicht, aber ihre (hypothetische) Anwesenheit hätte sie in den Augen der Teilnehmer zu einer noch respektableren Person gemacht.

Ein Begräbnis mit vielen Teilnehmern beweist nicht nur, wie wichtig der Verstorbene war, sondern stellt auch eine Gelegenheit dar, um sich zu treffen und kennenzulernen. Für die Leute aus Ghana ist das besonders relevant, da ihre Verwandten sehr oft in anderen Landesteilen leben, wenn nicht sogar im Ausland.

Ich kann mich erinnern, dass vor drei Jahren die Beerdigung der Mutter eines meiner Nachbarn stattfand. Die Frau war 101 Jahre alt geworden und an der Feier haben fünf Generationen teilgenommen. Die Teilnehmer kamen aus England, Deutschland, Maryland und Toronto. Einige Cousins trafen sich zum ersten Mal, während sich andere nach Jahren wiedersahen. Es war wirklich die Liebe und die moralische Pflicht gegenüber der Verstorbenen, die sie vereint hat. Das Begräbnis diente nicht nur dazu, ihrer Trauer Ausdruck zu geben, sondern auch, um sich gegenseitig die Liebe zu zeigen, die sie miteinander verband, ein Gefühl, das sehr selten ausgedrückt wird.

„Das Begräbnis diente dazu, sich gegenseitig die Liebe zu zeigen, die sie miteinander verband, ein Gefühl, das sehr selten ausgedrückt wird.

Ich hatte ein sehr interessantes Gespräch mit meinem Freund Raja Owusu Ansah, Mitinhaber einer der meistbesuchten Freiluftbars von Accra, „The Republic Bar”, im Bezirk Osu. Ich erinnere mich sehr gut an die Beerdigung seiner Mutter vor zwei Jahren. Raja war in Accra geboren und aufgewachsen. Als Sohn einer indischen Mutter und eines Vaters aus Ghana hatte er immer eine tiefgründige und gleichzeitig distanzierte Auffassung von Ghana, seiner Kultur und Bräuche. Er erklärte mir ein entscheidendes Konzept: „In Ghana ist die Liebe mit Respekt verbunden. Die Beziehung zwischen Mann und Frau fußt auf einem tiefen Respekt, der seinerseits unlöslich mit der Liebe verbunden ist. Ohne Respekt gibt es keine Liebesbezeugungen.”

Raja erklärte mir noch einen weiteren, grundsätzlichen Aspekt, der mir einiges verständlicher werden ließ: Die Teilnahme an der Totenfeier ist eine Art des Respektbeweises, der seinerseits der Ausdruck der persönlichen Liebe ist. „Bei einem Begräbnis wird die Liebe durch die Pracht der Feier ausgedrückt, sowie durch die tiefe Vertrautheit mit der Kultur und den Traditionen Ghanas. Die dafür aufgewendeten Mittel sind teuer und der „Wert”, der durch die Teilnehmer hinzukommt, bezweckt, an die Stellung des Verstorbenen zu erinnern, als er noch lebte”. Der Wert kann durch Geld vertreten sein, kann aber auch andere Formen annehmen, zum Beispiel bei der Organisation der Feier helfen, Getränke mitbringen oder das Essen kochen, das angeboten werden wird.

Jeder Aspekt des Begräbnisses, von der Anzahl Teilnehmer bis zur Art und Weise, wie man zum Gelingen der Feier beiträgt, zielt darauf ab, dem Verstorbenen Respekt zu zollen. So drücken die Ghanaer ihre Liebe aus. Diese Dynamiken bieten die Gelegenheit, sein Herz zu öffnen, viele verschiedene Emotionen zu fühlen und sich mit anderen auszutauschen.

Ich muss feststellen, dass diese Traditionen meistens gemeinsam erlebt werden, was im Wesentlichen bedeutet, dass die Liebe eher kollektiv als individuell gefühlt und gezeigt wird. Vor kurzem ist mein Großvater gestorben und seine Kinder haben beschlossen, keine Beerdigung zu feiern. Wir haben beschlossen, ein ganz ungezwungenes Treffen zu veranstalten. Anfänglich fürchtete ich, diese alternative Art, das Leben und den Tod meines Großvaters zu feiern, würde es uns nicht gestatten, unseren Schmerz zu erleben. Dennoch stellte ich Gefühle fest, die denjenigen glichen, die mir Emmanuel und Raja beschrieben hatten. Obschon meine Familie viel weniger groß ist als die meisten ghanaischen Familien, hatte mein Großvater viele Leben geprägt und kannte Menschen aus jeder Schicht und aus jedem Land der Welt.

Als ich aus Ghana in Los Angeles angekommen war, traf ich viele Leute, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das Treffen war nicht so traurig, wie ich erwartet hatte. Im Gegenteil, wir hatten es sogar recht lustig. Mein Großvater hatte uns zusammengebracht und seine Gegenwart war beinahe spürbar. Dieses, wenn auch informelle, Treffen hatte seine Funktion erfüllt: Nachdem ich in Accra vom Tod meines Großvaters erfahren hatte, habe ich mich mit den Menschen wiedervereint, die ihn gekannt hatten. Das half mir dabei, die Trauer zu erleben und zu überwinden.

Bei der Erinnerung an das Begräbnis seiner Großmutter sagt Emmanuel: „Es war ein Moment und ein Ort der Sühne, doch wir waren zufrieden, dass meine Großmutter es fertig gebracht hatte, uns alle zusammenzubringen, sogar die Verwandten, die als Erzfeinde galten. Ein Begräbnis ist wie ein Tor zwischen verschiedenen Wirklichkeiten: Versöhnung, Unterhaltung und neuen Anfängen. Die Trauerfeier wird durch eine starke Energie durchdrungen. Man ist sich bewusst, dass ein Mensch von uns gegangen ist und dass dafür bald ein neuer kommen wird. Viele Kinder werden nach Beerdigungen gezeugt”.

In Ghana wird nicht selten ein Kind von der Tante oder von verschiedenen Tanten oder von einem Großvater aufgezogen. Die Kernfamilie ist nicht so wichtig wie die erweiterte Familie, wo die Liebe nicht durch Küsse und Liebkosungen, sondern durch Respekt gezeigt wird.

Daher ist es normal, dass der Tote so viel Respekt als möglich erhält. Die Ghanaer tun alles für ihre lieben Verstorbenen: Die Kinder bleiben ganze Nächte durch auf, um sich auf das Begräbnis vorzubereiten, oft verschulden sich die Verwandten und die Angehörigen, die weit weg wohnen, durchqueren ganze Meere und Kontinente. Das geschieht alles, damit diese letzte Feier des Lebens ein prächtiges Ereignis wird. Diese Aufopferungen beweisen, dass die Liebe gegenüber dem Verstorbenen auf die Begräbnisteilnehmer übertragen wird, um die gegenseitigen Beziehungen frisch zu stärken. Erst jetzt verstehe ich wirklich den Grund, weshalb der Tod in Ghana so wichtig ist. Ich würde sagen, dass er das eigentliche zentrale Element der Liebe darstellt.

Benjamin Lebrave leitet Akwaaba Music, eine Plattenfirma, die die Vielfalt und die Modernität der zeitgenössischen afrikanischen Musik zeigt. Der DJ und Journalist Benjamin Lebrave arbeitet regelmäßig mit Fader, Thump und Africa Is A Country zusammen.

Charlie Kwai ist ein Fotograf, der für „It's Nice That's 2016 Ones to Watch” nominiert ist. Er lebt und arbeitet in London.

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